Nach den Kommunalwahlen im März trat der Stadtrat im April ein letztes Mal in alter Besetzung zusammen. Aus der Fraktion der Grünen scheiden zwei Mitglieder aus: Ulrike Olbrich und Ton van Lier gehören dem neuen Gremium nicht mehr an. Wir dokumentieren hier die Abschiedsworte unseres Fraktionsvorsitzenden Mike Seckinger:
Liebe Uli, lieber Ton,
wir als Fraktion sagen Danke! Danke für eure vielen guten Ideen, für eure intensive Arbeit für die Gemeinde und Stadt Haar sowie für die Freundschaft, die in der gemeinsamen politischen Arbeit gewachsen ist.
Das war’s? Nein, das gilt weder für unseren Dank noch für eurer Engagement in Haar – das letztere hoffen wir zumindest.
Auch wenn ich weiß, dass ihr es nicht so schlimm fändet, wenn wir hier mit dem Reden aufhören würdet, kann ich nicht anders, als im Namen der Fraktion noch ein paar Worte zu euch beiden jeweils direkt zu sagen.
Liebe Uli,
sechs Jahre lang hast Du die Aufgaben als Gemeinde-/Stadträtin mit großer Verantwortung und großer Zuverlässigkeit ausgefüllt. Du hast es geschafft, Dich innerhalb kurzer Zeit einzuarbeiten. Du hast wichtige Aufgaben für die Fraktion übernommen: als Sprecherin, als Mitglied im Zweckverband EMG und als Aufsichtsrätin bei der DLH. Du hast Dir schnell einen großen parteiübergreifenden Respekt im Gemeinderat erarbeitet, trotz der Bedingungen, die nicht auf deiner Seite standen: Corona, zwei noch relativ junge Kinder, die lernen mussten, dass ihre Mutter viele Abende nicht mehr zuhause war, und einem Mann, der sich u.a. beruflich weiterqualifizierte (und auch deshalb weniger Zeit für die Familie hatte). Damit hast Du Maßstäbe gesetzt.
Gut erinnere ich mich daran, wie es Dir gelungen ist, den Bürgermeister und viele andere im Gremium im wahrsten Sinne des Wortes alt aussehen zu lassen, als Du dich vehement und vielen guten Argumenten für eine Frau als Namensgeberin für den Platz vor dem Bürgerhaus eingesetzt hast. Das hat letzten Endes auch zu einem Mini-Akt zivilen Widerstands geführt und dem Haarer Anger den Zweitnamen „Sternchenplatz“ eingetragen. Vielleicht sollten wir diesen Namen zukünftig wieder mehr pflegen.
Im Aufsichtsrat der DLH hast du dich als einzige Frau nicht entmutigen lassen und intensiv für die Energiewende und eine nachhaltige Energiepolitik gestritten, auch wenn du wusstest, dass du Dich mit dieser Position kaum wirst durchsetzen können. Deinen Antrag, den Geschäftsführer der Gemeindewerke im Gemeinderat zu den Themen Energiesicherheit und steigende Energiekosten zu befragen, ist ein gutes Beispiel für dein unerschütterliches Streben danach, den Druck auf eine nachhaltige Energiepolitik zu erhöhen.
Die Rolle als einzige Frau war dir nicht unbekannt, auch in der Fraktion hast Du dich nach dem Ausscheiden von Petra gegen – wir hoffen natürlich mit – fünf Männer durchsetzen müssen.
Ich habe die Themen, zu denen Du dich als Gemeinde- und Stadträtin positioniert hast, jenseits des Alltagsgeschäfts in den unzähligen Sitzungen des Gemeinde- resp. Stadtrats und seinen Ausschüssen, aus meinen E-Mails herausgefiltert, zumindest soweit mir das noch möglich war. Dabei ist eine beeindruckend lange Liste zusammengekommen. Auch wird deutlich, dass für dich die Arbeit in der Fraktion eng verknüpft mit der Arbeit im Ortsverein war und ist. Die Themen, die ich hier hervorheben will, sind:
- nachhaltige Mobilität und Fahrradwege
- Frauen in die Politik und Politik für Frauen
- Soziale Themen (z.B. Wegfall der Weihnachtszulage)
- Klimaanpassung, z.B. Trinkwasserbrunnen für die Haarer Spielplätze (den Antrag sollten wir wieder neu stellen) und ein Vorantreiben der Energiewende durch eine intensive Lobbyarbeit für Balkonsolar für Geschosswohnungsbau
- Kultur und Treffpunkte, u.a. deine Mitwirkung bei der Vergabe des Gasthofs zur Post
- Die Auseinandersetzungen rund um das Kieswerk (ein Thema, um das es irgendwie wieder ziemlich leise geworden ist)
- Bildungsfragen, wie die Konzeptdiskussionen zum Thema Ganztag für Grundschüler:innen und das Ringen um die Gesundheit in den Schulen, seien es die Luftfilter für Schulen oder das Essen
In deiner Zeit als Gemeinderätin bist du mit vielen privaten, beruflichen und politischen Herausforderungen konfrontiert worden, die dir viel abverlangt haben. Andere an deiner Stelle hätten sich vielleicht emotionale und mentale Entlastung geschaffen, indem sie die Aufgabe als Gemeinderätin abgegeben hätten. Du hast Dich jedoch anders entschieden und deinen Einsatz für das Wohl der Gemeinschaft als Verpflichtung gesehen, die Du weiter erfüllen möchtest und weiter erfüllt hast. Das war eine große Leistung, auch dafür unser großer Dank an Dich!
Lieber Ton,
12 Jahre Haarer Gemeinderat und Stadtrat finden ein Ende.
Unsere Zusammenarbeit ist in diesen Jahren gewachsen und immer besser geworden. Am Anfang gab es ein gewisses Fremdeln auf unserer Seite – vielleicht auch auf deiner Seite, du wolltest ja unabhängig sein. Wir haben uns gefragt, was von jemanden zu halten ist, der die FWG in Haar wiederbelebt und sich dafür mit solchen Personen (siehe die damalige Liste) zusammentut. Aber diese Skepsis hat bald ein Ende gefunden. Ziemlich schnell hat sich eine vertrauensvolle und intensive Zusammenarbeit etabliert. Eine Nachwirkung dieses anfänglichen Abtastens war, dass Dir bei deiner ersten Verabschiedung der Haushaltssatzung niemand gesagt hatte, dass eine Haushaltsrede erwartet wird. Ich hatte danach ein bisschen ein schlechtes Gewissen, Dich nicht vorgewarnt zu haben.
Deine Haltung und Position, die Du in diesem Gremium einnimmst, hast du von Anfang an für Dich klar gehabt. In einer E-Mail aus dem August 2014 habe ich folgende Aussage von Dir gefunden „verstehen, dass Provozieren leider zur politischen Realität gehört, es aber oft besser ist, nicht darauf zu reagieren bzw. erst der Ton der Deeskalation wahre Stärke zeigt.“ Es ging damals um die unsägliche Diskussion über das Bürgerbegehren zum Hochhaus an der Münchnerstraße. Dieser Haltung bist Du in den letzten zwölf Jahren treu geblieben. Du hast Dir immer genau überlegt, bei welchen Themen es Dir wert erschien, Stellung zu beziehen und den Konflikt zu suchen. Wenn Du dies getan hast, dann hast Du selten etwas an Deutlichkeit vermissen lassen und bist zugleich auf der menschlichen Ebene verbindlich geblieben. Etwas, was leider nicht allen im Stadtrat gelingt.
Impulse hast Du viele gesetzt und etliche verstärkt: Du hast die für den Gemeinde- bzw. Stadtrat eher seltene Verbindung von sozialem und wirtschaftlichem Sachverstand repräsentiert und zur Leitschnur deines Handelns gemacht. Du hast Dir auf diese Weise im Gemeinde- bzw. Stadtrat parteiübergreifend Respekt erarbeitet. Deine Stimme hat Gewicht, deine Arbeit als Rechnungsprüfungsausschussvorsitzender hat wesentliche Weichen gestellt. Deine wirtschaftliche Perspektive hat dazu beigetragen, die Schwankungen in den gemeindlichen Einnahmen realitätsnaher einzuordnen und nicht in tagesaktuelle Euphorie oder Depression zu verfallen.
Leider sind wir gemeinsam mit dem Anliegen gescheitert, den kommunalen und genossenschaftlichen Wohnungsbau voranzubringen. Es fehlte und fehlt die Unterstützung der anderen Parteien. Themen, bei denen du die Meinungsbildung der Fraktion beeinflusst hast, waren u.a. kommunaler Wohnungsbau, Schulbau (Grundschule und Schulcampus) oder unsere Neupositionierung zur Finckwiese. Bei vielen sozialen Themen hast Du unsere gemeinsamen Impulse verstärkt und die Notwendigkeit betont, hier nicht nachzulassen.
Neben den eher größeren und grundsätzlichen Themen hast du auch dafür gesorgt, dass wir in Ottendichl wahrgenommen wurden. Das Thema Verkehrsbelastung hat dabei eine größere Rolle gespielt. Nebenbei eines der wenigen, bei denen wir unseren inhaltlichen Dissens nicht haben auflösen können. Du hast sogar dafür gesorgt, dass wir den Maibaum bewacht haben und das trotz einer gewissen Skepsis, die uns von einzelnen Personen aus Ottendichl entgegengebracht wurde. Damit hast Du quasi nebenbei für einen sozialen Event gesorgt und den Ortsverein gestärkt. Für all deinen Einsatz und dein Engagement ein großes Dankeschön!
Liebe Uli, lieber Ton,
auch Dank euch stehen wir als Grüne Fraktion heute so gut da, wie wir dastehen. Ihr habt hieran einen wesentlichen Anteil! Wir werden euch und eure konstruktive Art, eure Ideen und eure Besonderheiten in den Fraktionssitzungen vermissen!
Wir bedanken uns ganz herzlich für die gemeinsame Zeit in der Fraktion und hoffen auf viele Begegnungen an anderen Orten.







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